Mal was Neues probieren

Das ist mein dritter und letzter Tipp für die Aktion Mein bester Fototipp. Jeder Fotograf, ob Anfänger oder Vollprofi kennt wahrscheinlich diese Situation: man hat ein Bild im Kopf, hat sich schon ganz genau überlegt, was man tun muß, um zu seinem Bild zu kommen und dann kommt alles ganz anders. Mir ging es natürlich auch schon oft so. Manchmal läßt sich so eine Situation noch retten, wenn man mal was Neues versucht.

Ende letzten Jahres hatte ich noch ein paar Tage Urlaub übrig. Der Wetterbericht war für Anfang November richtig gut und ich hab mich spontan entschieden, in die Sächsische Schweiz zu fahren. Ich hatte schon viele Fotos vom Elbsandsteingebirge gesehen und hatte Bilder von felsigen Bergen mit nebelverhangenen Tälern im Kopf. Ich bin dann erstmal zwei Tage nach Dresden um mir die Stadt anzuschauen und während ich in Dresden war wurde der Wetterbericht für die nächste Woche von Tag zu Tag schlechter. Ich hab fieberhaft überlegt, was ich tun kann. Wollte ja hauptsächlich zum Fotografieren in die Sächsische Schweiz und das Elbsandsteingebirge bei schlechtem Wetter war jetzt nicht gerade das, was ich mir erhofft habe. Ich hab mich dann daran erinnert, daß ich mal ein paar Fotos vom Elbsandsteingebirge mit angeleuchteten Felsen gesehen habe. Dazu braucht man nur ne Taschenlampe und es war zum Glück Samstag und irgendwo in Dresden sollte man schon ne Taschenlampe bekommen. Hab mir dann schließlich im Conrand eine LED Lenser P7 gekauft. Die Lampe kostet ungefähr 50 Euro, ist nicht allzu groß und ist sehr hell, ideal um Felsen damit anzuleuchten. Ich hatte genau einen halben Tag lang schönes Wetter in der Sächsischen Schweiz, sonst war es eigentlich von früh bis abends schlecht, oft so neblig daß man keine 50 m weit gesehen hat.

Vom Ferdinandstein aus, der sich ganz in der Nähe der Bastei-Brücke befindet, hat man einen tollen Blick auf die Rathener Felsgruppe. Vom Parkplatz in der Nähe des Bastei-Hotels sind es nur wenige Minuten zum Ferdinandstein. Die blaue Stunde nach Sonnenuntergang eignet sich am besten für solche Lichtmalerei, da es dann schon dunkel genug ist, damit man das Licht der Taschenlampe auch auf den Felsen sieht, aber es noch hell genug ist, damit man den Hintergrund noch erkennen kann. Mit der Belichtungszeit muß man etwas experimentieren. Ich habe gute Erfahrungen mit Belichtungszeiten zwischen 15 und 30 Sekunden gemacht, dann hat man genug Zeit, die Felsen mit der Taschenlampe anzuleuchten. Ein Stativ ist bei solch langen Belichtungszeiten natürlich Pflicht. So sieht die Rathener Felsgruppe dann am Abend mit angeleuchteten Felsen aus:

Oft merkt man erst daheim am Computer, daß es doch noch zu hell war und die Felsen sich nicht wirklich vom Hintergrund absetzen oder daß man die Felsen nicht gleichmäßig genug angeleuchtet hat oder einen Baum vergessen hat. Deswegen sollte man soviele Aufnahmen wie möglich machen, auch mal einen anderen Standpunkt oder Ausschnitt wählen. Einen ungleichmäßig angeleuchteten Felsen kann man gut mit Lightroom oder Photoshop partiell aufhellen, das habe ich auch bei diesem Bild gemacht.

Ein anderes tolles Fotomotiv für solche Lichtmalereien ist die Wehlnadel. Zur Wehlnadel kommt man, wenn man von Rathen vorbei am Amselsee Richtung Bastei läuft und dann relativ weit oben, ein paar Minuten vorm Bastei-Parkplatz mal links abzweigt. Der Weg ist relativ schmal und führt durch einen Wald und über Felsen zur Wehlnadel. Ist leider bei Google Maps relativ schlecht zu erkennen, aber die Wehlnadel müßte hier sein. Nehmt zur Wehlnadel unbedingt mindestens zwei Taschenlampen mit. Der Weg dorthin ist nicht wirklich gefährlich, aber man kann auf beiden Seiten des Weges in einigen Metern Abstand abstürzen. Das ist zwar bei Tageslicht kein Problem, aber wenn man sich im Dunklen verläuft weil die Batterien der Taschenlampe aus sind oder die Taschenlampe aus einem anderen Grund nicht mehr funktioniert, dann wirds wirklich gefährlich! So sieht die angeleuchtete Wehlnadel am Abend dann aus:

Es muß aber nicht immer ein verregneter Urlaub sein, der den Anstoß gibt, mal was Neues zu versuchen. Ich schaue mir oft Fotos auf der Webseite der Fotocommunity oder bei 500px an. Irgendwann habe ich auf einer der Seiten mal ein Foto der Kapelle nahe der Erdfunkstelle Raisting am Ammersee gesehen, daß mir sehr gut gefallen hat: die Kapelle die sich im Wasser gespiegelt. Ich wohne in der Nähe der Erdfunkstelle Raisting und war schon ein paarmal zum Fotografieren dort. Es gibt keinen Teich oder Tümpel in der Nähe der Kapelle, es mußte sich also bei Regen ein Tümpel oder eine Pfütze bilden, in der sich die Kapelle spiegelt. An einem verregneten Wochenende, als es gegen Abend zu Regnen aufgehört hatte, bin ich dann nach Raisting gefahren um auch mal die Kapelle mit Spiegelbild zu fotografieren. Durch den starken Regen hatten sich einige flache Tümpel mit Wasser auf der Wiese in der Nähe der Kapelle gebildet. Leider glich auch der Rest der Wiese eher einem Sumpf. Als ich dann endlich mit völlig durchnässten Schuhen bei den Tümpeln ankam mußte ich feststellen, daß man von dort keine Reflektion der Kapelle sehen konnte.

Also wieder zurück zur Kirche. Neben der Kirche führt eine kleine, geteerte Straße vorbei. Vielleicht gibt es irgendwo auf der Straße eine Pfütze, in der sich die Kapelle spiegelt. Es gab eine Menge kleiner Pfützen, aber die kamen mir alle viel zu klein vor. “Das gibts doch gar nicht”, dachte ich mir. “Von irgendwo muß das Bild doch aufgenommen worden sein.” Ich hab mich hinter einer der Pfützen auf die Straße gelegt und tatsächlich: die Kapelle spiegelt sich in der Pfütze. Und jetzt waren nicht nur meine Schuhe naß, sondern auch meine Anziehsachen. Aber darum machte ich mir in dem Moment keine Sorgen. Ich baute mein Stativ auf. Um das Spiegelbild der Kapelle zu fotografieren mußte sich die Kamera ganz knapp über dem Boden befinden. Ich drehte also die Mittelsäule um, so daß ich die Kamera unter das Stativ hängen konnte und versuchte mit Hilfe des Kamera-Bildschirms den Bildausschnitt richtig einzustellen. Hier mal eins der Fotos von der Kapelle und der Erdfunkstelle Raisting, die ich an dem Abend gemacht habe:

Die restlichen Bilder, die ich an dem Abend gemacht habe, könnt ihr euch hier anschauen. Mußte dann zwar mit nassen und verdreckten Klamotten heimfahren, aber das hat sich definitv gelohnt.

Ich hoffe, den einen oder anderen inspirieren die beiden Beispiele, auch mal was Neues zu probieren. Ich denke es lohnt sich immer, sich Bilder anderer Fotografen anzuschauen und sich ein paar Anregungen zu holen.

Michael Thaler